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BASISBEITRAG

Basisbeitrag

Küsten: Fragile Lebens- und Wirtschafts[r/s]äume zwischen Land und Meer
Strukturen, Ressourcen, Chancen, Risiken


Jörg-Friedhelm Venzke


Wir sind auf einer Ostfriesischen Insel, stehen auf einer Düne und schauen nach Norden. Da liegt die Nordsee, und man erkennt klar den Horizont … die Kimm, wie der Seemann sagt. Die Linie trennt deutlich das Meer vom Himmel … zumindest dann, wenn es nicht Nacht, diesig, nebelig oder regnerisch ist. Schiffe sind zu erkennen, zum Teil vor dem Horizont in Fahrt oder auf Reede, zum Teil hinter dem Horizont; nur die Aufbauten und Masten sind zu sehen. Ja, wir wissen - spätestens seit Aristoteles und Eratosthenes und Magellan -, die Erde ist eine Kugel!

Gehen wir hinunter zum Wasser. Wir stehen am Strand, die Wellen umspülen unsere Füße und der Wind treibt Sand. Heute Morgen war es aber weiter bis zum Wasser. Hier machen wir gleich drei elementare "Küsten-Erfahrungen":
1. Die Meeresoberfläche ist annähernd eine Kugeloberfläche, die uns aber in kleiner Raumdimension als horizontale Fläche erscheint und in der Küstenlandschaft eine horizontale Linie anlegt.
2. Diese Fläche ist ständigen Niveauschwankungen unterworfen.
3. An der Küste herrscht eine beständige und schnelllebige Dynamik und Interaktion zwischen marinen, terrestrischen und atmosphärischen Prozessen.

Zwei banale Fragen und etwas komplexere Antworten
Die Fragen, was und wo die Küste ist, kann natürlich jeder beantworten: Küste ist dort, wo Land und Meer zusammentreffen. Aber bei etwas intensiverem Nachdenken und mit den oben dargestellten Erfahrungen der räumlichen und zeitlichen Dynamik und Variabilität wird die Beantwortung schon etwas schwieriger und sollte differenzierter geschehen. Schon Valentin (1952, zitiert bei Kelletat 1989) spricht dann auch vom Küstengebiet, das sich zwischen der tiefsten und höchsten Brandungs- bzw. Meereswirkung im Quartär erstreckt und somit nicht nur die isostatischen und eustatischen Meeresspiegelschwankungen, sondern auch die landwärtige Reichweite der Auswirkungen von Spritzwasser und Spray mit einbezieht.

Enger gefasst, nämlich zwischen der gegenwärtigen oberen und unteren Meereswirkung gelegen, schließt die "Küste" zwar die flachen Schelfmeerbereiche, die während der glazialen Meeresspiegeltiefstständen trocken waren - zum Beispiel die südliche Nordsee - nicht mit ein, kann aber dennoch einen etliche Kilometer breiten Saum um den mittleren Meeresspiegel ausmachen. Dessen Breite hängt vor allem vom Eintauchwinkel des Festlandes zum Meer hin, vom maximalen Tidenhub und von den maximalen Wellenhöhen ab, die sich meerwärts brechen und Brandung verursachen bzw. landwärts auflaufen könnten, gäbe es keine Küstenschutzbauwerke.

Somit sind z. B. die durch Deiche geschützten Marschgebiete der deutschen Nordseeküste bis zum Geestrand mit eingeschlossen. Derart definiert hat Kelletat (1989) nach Karten mittleren Maßstabs (1:200 000 bis 1:2 000 000) die weltweite Küstenlänge auf knapp 290 000 km bestimmt; die reale Küstenlänge ist natürlich um ein Vielfaches größer (wahrscheinlich etwa eine Million Kilometer; vgl. Rahmstorf & Richardson 2007). Küsten kommen in allen Klimazonen vor, können aus jedwedem Material bestehen und unterschiedlichsten Energieeinwirkungen ausgesetzt sowie globalen wie kleinräumigeren Meeresniveauveränderungen unterworfen sein, sodass sich sehr unterschiedliche von Aufbau oder Abtragung geprägte Morphodynamiken und Strukturen ergeben. Die daraus resultierende Vielfalt von weltweiten Küstentypen ist am umfassendsten und systematisch von Kelletat (1995) zusammen und kartographisch dargestellt worden. Neben diesen physiogeographisch geprägten Bestimmungen des Küstenraumes existieren natürlich auch humangeographische, die vor allem wirtschaftsräumlich, politisch und technisch geprägt sind. Immerhin leben weltweit etwa 300 Millionen Menschen in Gebieten, die weniger als fünf Meter über dem gegenwärtigen Meeresspiegel liegen (Rahmstorf & Richardson 2007).

Auf der landwärtigen Seite können dabei alle Räume verstanden werden, die durch anthropogene Schutzmaßnahmen gegenwärtig und in der Vergangenheit vor dem Einfluss des Meeres gesichert werden bzw. worden sind. Meerwärts begrenzen im Allgemeinen politisch-administrative Grenzen den Wirtschaftsküstenraum: Nach dem bereits im 18. Jahrhundert vom holländischen Juristen Cornelis van Bynkershoek entwickelten Prinzip der Drei-Meilen-Zone - in der man vom Festland aus per Kanonenschuss das nationale Recht durchsetzen konnte - besitzen heute seit dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen von 1982 alle Küstenstaaten in der Zwölf-Meilen-Zonen und der um weitere zwölf Seemeilen erweiterten sog. Anschlusszone die Hoheitsbefugnisse. In der bis zu 200 Seemeilen breiten sogenannten Ausschließlichen Wirtschaftszone verfügen die Küstenstaaten über die dortigen natürlichen Ressourcen und gestalten deren wirtschaftliche Erschließung; es bestehen dort aber keine hoheitlichen Rechte.


Küsten - Potenziale und Risiken
In der sehr dynamischen physischen Umwelt der Küstenregionen kontrastieren die Bestrebungen des Menschen, persistente Lebensverhältnisse zu schaffen, mit den auf stete Veränderung ausgerichteten Prozessen der Natur ... aber auch des Marktes. Betrachten wir ausgewählte küstengeographische Fragestellungen schlaglichtartig etwas genauer: Küsten waren für den Menschen natürlich immer Ausgangsort für die Gewinnung von Nahrung aus dem Meer. Bereits die Austernschalenhaufen der mesolithischen Ertebølle- Kultur am dänischen Mariagerfjord auf Jütland (Kjökkenmöddinger) sind ein oft zitiertes Beispiel für frühe Nutzung litoraler biotischer Ressourcen. Viele küstennahe Meeresgebiete weisen aufgrund ihres Nährstoffreichtums eine hohe Biomasseproduktion auf und sind für die Regeneration pelagischer Fischbestände von großer Bedeutung.

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(gekürzt)

Den gesamten Beitrag finden Sie im Heft auf den Seiten 4-9.